Thomas Lenkitsch

„Ich bin das, was man einen Kümmerer nennt“

 

Thomas Lenkitsch ist Architekt und engagiert sich in Falkensee in der Interessengemeinschaft Zentrum, die zur lokalen Agenda 21 gehört. In der Werbegemeinschaft Falkensee trägt er in der Arbeitsgruppe Stadtentwicklung zu einer starken Mitte bei. Das Gespräch führte Matthias Grothe.

INTERVIEW

 

Herr Lenkitsch, wenn ich im Internet nach Ihnen suche, finde ich einen Architekten, einen Sachverständigen für Gebäudeschäden und einen sachkundigen Einwohner mit Sitz im Stadtentwicklungsausschuss und Beteiligungen an gefühlt allen Vereinen und Initiativen, die es in Falkensee gibt.

Das bin alles ich …

Ich möchte gerne in unserem Gespräch herausfinden, wie Sie es schaffen, einen Tag von 24 auf 48 Stunden zu manipulieren.

Fangen wir klein an: Wie lange sind Sie in Falkensee?

Seit 1994. Ende des Jahres hatte ich „rüber gemacht“.

Wo waren Sie vorher?

Ich habe davor in Berlin gewohnt, dann war ich mal ein Jahr in Hamburg und davor habe ich sehr viel in Kreuzberg und Neukölln gewohnt. Aufgewachsen bin ich in Hessen.

Und was hat Sie nach Falkensee verschlagen?

Wir wollten bauen, hatten in Neukölln-Rixdorf ein schönes Remisen-Projekt zu zweit geplant. Die Remise ist glaube ich immer noch nicht verkauft und dann hieß es:  wir können ja auch mal ein bisschen woanders gucken … und da war Falkensee der Standort, der für alle am besten erreichbar war.  Also haben wir hier zu dritt ein Eckgrundstück bebaut.

War es damals schwer für Sie, in Falkensee anzukommen, oder haben Sie schnell Fuß gefasst?

In der ersten Zeit, wie die meisten Neu-Falkenseer, kümmert man sich um Haus und Garten und ist damit ausreichend beschäftigt. Wenn das halbwegs im Griff ist, fängt man an, sich mit dem Ort zu befassen oder man wird nicht heimisch. Wenn man sich engagiert, lernt man Leute kennen, lebt sich ein und hat dann auch was davon.

Was ist Ihr Beruf?

Ich bin von der Ausbildung Architekt. Mein Schwerpunkt liegt zwischen Bauleitung und Stadtplanung. Im Wesentlichen bin ich das, was man einen „Kümmerer“ nennt. In den letzten Jahren habe ich überwiegend eine Bauherrenfunktion in Wohnungsbauprojekten wahrgenommen.

Sie sind also wirklich Architekt!

Ja. Aber ich habe nur das Haus gebaut, in dem ich wohne. Ansonsten habe ich sehr viele Altbauten wieder benutzbar gemacht, Sanierungskonzepte erarbeitet und City-Management gemacht ...

In wie vielen Vereinen und Initiativen in Falkensee sind Sie denn momentan Mitglied bzw. aktiv?

Im Wesentlichen konzentriere ich mich auf die Agenda – und da auf die Themen Stadtentwicklung, Stolpersteine und Zusammenleben in der Stadt.

Sehr großes Gebiet!

Das geht halt fließend ineinander über. Auch beruflich bin ich eigentlich sehr häufig damit beschäftigt, aufzuräumen, wenn autoritäre Strukturen gescheitert sind. Also, wenn die einen Scherbenhaufen hinterlassen haben, muss das ja jemand wieder in Ordnung bringen. Das ist in der Regel mein Job. Und deswegen habe ich versucht, solche Fehler in Falkensee zu verhindern. Aber anscheinend muss man Fehler selber machen, bevor man sie vermeiden kann.

Was motiviert Sie, in dieser Stadt aktiv zu sein?

Gerade Stolpersteine und Zusammenleben in der Stadt, insbesondere unser Buchprojekt zur Stasi in Falkensee. Das hängt ja eng miteinander zusammen. Da geht es einmal darum, dass die Folgen von autoritärem Handeln, Ausgrenzen und Vernichten nicht vergessen werden dürfen. Damit man in Kenntnis der Geschichte sich in der Zukunft klüger verhält. Und das Gleiche gilt auch für das Stasiproblem. Da geht es nicht darum, zu richten, sondern da geht es darum, dass man weiß, was passiert ist. Das Wissen ist noch sehr bruchstückhaft und nur, wenn man das hat, kann man sich vernünftig verhalten. Und gerade da hat mich mein Engagement in der Stadtentwicklung motiviert, aus der Geschichte zu lernen, um die Zukunft besser zu gestalten.

Und wie schaffen Sie es, das alles miteinander zu kombinieren? Das klingt doch sehr umfangreich!
Ist es auch. Manchmal frage ich mich selber, wie ich das schaffe.

O.K. Also sind Sie wirklich sehr viel unterwegs?

Ja. Das wäre auch glatt ein Scheidungsgrund bei der wenigen Zeit, die ich einer Beziehung zur Verfügung stellen könnte.

Sie sind ja auch Mitglied in der Werbegemeinschaft. Welche Vorteile sehen Sie da für sich?

Ich interessiere mich ja sehr für die Stadtentwicklung, insbesondere für das Stadtzentrum. Weil ein Ort, der lebenswert ist, einen Platz braucht, wo man sich zufällig trifft. Das sollte idealerweise das Stadtzentrum sein. Wo man aus irgendwelchen Anlässen vorbeigeht – und Hotte und Lotte laufen einem auch über den Weg. Das macht Alltagsqualität aus. Da sind viele Weichenstellungen falsch oder zögerlich oder unwissend gemacht worden. Und in der Werbegemeinschaft treffen sich jetzt alle Leute, die sozusagen eine aufblühende Innenstadt haben wollen. Da liegt es einfach nah, daran teilzunehmen.

Angenommen, Sie könnten eine Sache in Falkensee von heute auf morgen verändern: Welche wäre das?

Ich würde intensiv das Stadtzentrum entwickeln.

Sie würden also das Stadtzentrum auf jeden Fall integrieren …

Wenn man das richtigmacht, ist es da auch richtig schön!
Und wie sieht ein Stadtzentrum aus, das Sie entwickeln würden?

Es muss zusammenhängende, attraktive Flächen zum Einkaufen haben, sonst funktioniert der Einzelhandel nicht. Es muss attraktive Wohnstandorte haben – und attraktives Wohnen, gerade in so einer gartengeprägten Stadt wie Falkensee, kann nicht einfach Geschosswohnungsbau oder Eigenheime sein, sondern genau dazwischen muss es relativ viel geben. Es muss so sein, dass man in Gebäuden, die kleiner sind als die üblichen Eigenheime – so 80 bis 90 Quadratmeter mit ein bisschen Garten – dass man in denen in Bahnhofsnähe wohnen kann und trotzdem eine Dichte kriegt, die ein Stadtzentrum erlaubt. Es muss Wohnen und Arbeiten als Kombination möglich sein und all solche Sachen. Da ist viel Luft nach oben. Es muss schöne Kleinkunstveranstaltungsorte und einen schönen Gutspark geben mit einer Freilichtbühne – das ist dann schon ganz schön für die Lebensqualität.

Halten Sie es für realistisch, dass das in Falkensee im Zentrum angesiedelt werden könnte?

100 Prozent gibt es nie, aber man kann den Prozentsatz deutlich erhöhen.

Was ist das Schönste, das Ihnen in Falkensee bisher passiert ist?

Die Leute, die man trifft! Die Engagierten, die auch versuchen, sich nicht kleinkriegen zu lassen und Neues zu erreichen.

Gibt es die Chance, zeitnah ein Stadtzentrum zu kreieren?

Ja, im Moment sind die Bedingungen relativ gut. Durch die niedrigen Zinsen wird recht viel investiert. Wenn man diese Investitionen zielgerichtet lenkt, kann das passieren, was jahrelang verpennt wurde. Bessere Bedingungen als jetzt werden wir nicht kriegen. Bei vier bis sechs Prozent Zinsen wird das schon wieder wesentlich schwieriger.

Haben Sie an einem anderen Standort schon mal bei der Entwicklung eines Zentrums mitgemacht?

Ich hatte in Gardelegen die Aufgabe, vorbereitende Untersuchungen zu machen, damit bei denen das Stadtzentrum wiederbelebt wird. Außerdem habe ich in der Warschauer Straße in Berlin Friedrichshain das Sanierungsgebiet betreut und dabei ein City-Management aufgebaut, als es dort einen sehr hohen Leerstand gab. Das betraf ungefähr ein Drittel der Flächen – und mittlerweile läuft es dort ganz gut. Die Simon-Dach-Straße als Gastronomieschwerpunkt auszuweisen, haben wir damals als Sanierungsziel festgeschrieben. Wir waren der Meinung, da muss man Öl ins Feuer gießen, damit das weiterwächst – es war auch eine richtige Entscheidung. Ohne die Simon-Dach-Straße als Kneipenmeile wäre die Boxhagener Straße in Berlin nie belebt worden. Da konnten sich dann exotische Geschäfte halten, die sonst keine Chance gehabt hätten.

Was glauben Sie, wie lange es dauert, bis wir ein einigermaßen schönes Stadtzentrum haben?

Schnell geht‘s nie.

Wäre das abhängig vom SeeCarré, ob sich ein Zentrum entwickelt oder nicht?

Das SeeCarré ist Fluch und Segen. Es hat den falschen Standort, auf der anderen Seite der Bahn.  Das sind zwei getrennte Welten, die müssen verbunden werden. Das attraktiv zu verbinden, das dauert. Selbst, wenn man die fußläufige Verbindung kurzfristig herstellt. Bis das kommt, gehen wieder ein paar Jahre ins Land und wenn das SeeCarré anstelle des Busbahnhofs stünde, wäre alles leichter gewesen. Das wäre auch möglich gewesen, hat die Stadt aber überfordert, wie es scheint.

Genauso ist es mit dem Stadthallen-Nachfolge-Gebäude. Wenn das nicht innerhalb von zwei Jahren gebaut wird, sondern jahrelang über den Markt geistert, weil es hin und her verkauft wird bis die Zinsen wieder steigen, könnte das zum Problem werden.

Meinen Sie ein Marktplatz würde in Falkensee funktionieren?

Eine Stadt mit so vielen Pendlern braucht einen attraktiven Samstagsmarkt. Ein Samstagsmarkt kann nur funktionieren, wenn er vor passenden Geschäften stattfindet, und im Moment haben wir nur Flächen, wo eigentlich eher Vakuum ist, als passende Geschäfte sind.

Würde ein Markt vor Edeka in Finkenkrug funktionieren?

Das würde schon gehen, aber ein richtiger Markt braucht schon mehr als nur Edeka. Er braucht viele kleine, nette, ergänzende Geschäfte, wo man auch hingeht und ein Komplettangebot hat, das sehr attraktiv ist. Wenn jetzt in dem Stadthallen-Nachfolgehaus und den Resten der fair-Passage sinnvolle Angebote gemacht werden, wo man sagt: „O.K., nach'm Markt gucke ich da vorbei“, brauche ich natürlich noch ein schönes Café, wo man noch die eine oder andere Nachbesprechung machen kann. Dann funktioniert das auch. Idealerweise noch ein Angebot für Kinder, damit die nicht während des gesamten Einkaufes quengeln. Das würde sich mit dem Gutspark ja sehr gut machen lassen.

Wie lange engagieren Sie sich jetzt schon für die Stadt?

Seit dem Jahr 2000. Ich bin kein Mensch, der früh aufgibt.

Haben Sie in dieser Zeit eine besondere Veränderung miterlebt, auf die Sie stolz sind oder die Sie gerne gesehen haben?

Wir hatten am Anfang einen relativ großen Erfolg. Da sollte, was die Planung anbelangt, für das Sanierungsgebiet ein Büro installiert werden, das uns wenig vertrauenswürdig war. Wir haben ein anderes Büro durchgesetzt. Das wurde leider viele Jahre später im Zuge einer deutschlandweiten Fusion von der ursprünglichen Firma aufgekauft.

Aber das hat schon dazu geführt, dass sich was bewegte. Aber die Möglichkeiten, die das Sanierungsgesetz geboten hat, wurden völlig unzureichend ausgenutzt. Das, was die Werbegemeinschaft ein bisschen ehrenamtlich nebenbei macht, sowas wie City-Management, Strukturplanung, Schwerpunktbildung – das gehört eigentlich in ein vernünftiges Sanierungskonzept. In Spandau wurde für solche Aufgaben das Altstadt-Management beauftragt. Die werden von der Stadt dafür bezahlt. Das ist auch richtig so. Aber das gibt es in Falkensee nicht.

Bestehen Chancen, dass es so was je in Falkensee geben wird?

Theoretisch ist es nicht ausgeschlossen...

Was müsste dafür passieren?

Weisheit regnen!.

Auf wen?

Die Verwaltung. Die halten das einfach für zu kompliziert und meinen, damit nichts zu tun haben zu müssen. Die meinen, das muss der Markt regeln. Aber das ist der entscheidende Punkt: Wenn ich vernünftige Schwerpunkte vorgebe, kann sich der Markt viel schneller in die gewünschte Richtung entwickeln. Und wenn ich zu langsam bin, sind die Nachbarn immer schneller und ich habe verloren.  Von daher macht es durchaus Sinn, da etwas strukturiert einzugreifen, aber ich darf nichts Unsinniges fordern. Wenn ich mich da irgendwie als ein kleiner Gott aufführen würde, gibt es eine Katastrophe. Ich muss gucken, was tatsächlich läuft – was kann ich unterstützen, wie kann ich das kommunikativ beflügeln. Das ist die wesentliche Arbeit. Nicht irgendwie „Ich wünsch mir was und das hat jetzt zu passieren“. Die Zeiten hat es mal gegeben, da gab es noch Könige, und wenn die Fehler gemacht haben, hat das Volk gehungert. Wenn heute einer einen Fehler macht, dann klappt das Projekt nicht.

Warum arbeiten Sie nicht im Rathaus?

Ich habe es mehrmals versucht, aber es scheint, als hätten die Angst vor mir.

Herr Lenkitsch, ich danke Ihnen sehr für dieses beflügelnde Gespräch.